Wann ist es Zeit loszulassen?

Immer wieder erwische ich mich bei dem Gedanken, dass der Abschied irgendwann naht. Früher oder später. Das ist der Lauf der Dinge und natürlich denke ich daran, dass er stirbt - nicht ich. Tatsächlich wäre dieses Szenario ja auch andersrum vorstellbar. Wer weiß das heutzutage? Ich schaue also meinem Hund zu, wie er völlig entspannt sich in der Sonne räkelt und denke dabei an Abschied. Wann wird es soweit sein? Werde ich wieder entscheiden müssen oder wird er mir diese Entscheidung abnehmen? Und wann ist der richtige Zeitpunkt dafür?

Jeder Gedanke an Abschied schnürt mir die Kehle zu

Es ist ein klitzekleiner Moment - während ich mit meinem Hund herumalbere und plötzlich wird mir klar - das hält nicht ewig. Die Spuren, dass dies nicht ewig hält, sind deutlich zu sehen. Er ist grau geworden, seine Wangen fallen ein. Das Leuchten in seinen Augen geht, sie wirken stumpf, seine Bewegungen sind nicht mehr rund und grazil, sondern steif und wohl überlegt. Sein Körper beginnt sich zu verändern. Und meine Haltung zu ihm auch. Längst setze ich nicht mehr jedes Kommando so durch wie einst. 

Früher dachte ich nur mal in Momenten des absoluten Glücks an Abschied - damals konnte ich mich noch mit seiner Jugend trösten. Ein frühes Ableben kommt in meiner Planung nicht vor. Alle meine Hunde sind alt geworden. Und er wird keine Ausnahme machen, hoffentlich. Ein bisschen denke ich, habe ich es in der Hand, dass dies wieder so ist - aber wer weiß.

Es beginnt mit einer einfachen und klaren Struktur. Mit jedem Tag, mit jedem Training wachsen wir mehr zusammen. Und so sehr ich ihm meine Regeln von Anfang an erkläre und beibringe, so frei und unbeschwert verbringen wir unsere gemeinsame Zeit. In den ersten zwei Jahren werden wir so sehr zusammen wachsen, dass es mir zunehmend schwerfällt ihm immer wieder Grenzen zu setzen. Dann, sobald er ausgebildet ist, werden wir viel Zeit mit Trainings und auf Workingtesten verbringen, es wird unser gemeinsames Hobby sein. Bei ihm unwissentlich und bei mir gezielt, weil ich ihn vom ersten Tag an genau darauf vorbereitet und trainiert habe. Es ist die Zeit, in der ich ihn richtig kennengelernt habe und er mich sowieso schon lange kennt.

Wir werden gewinnen und verlieren und dennoch werden wir immer gemeinsam nach Hause fahren - weil ich weiß, dass das, was er zeigt zu einem großen Teil nur von mir kommt und der andere Teil, sein Wesen und die Erfahrungen, die er gemacht hat, ausmachen. Zusammen ergeben wir ein Team. Jetzt ist er alters technisch auf seinem Zenit - seine besten und stärksten Jahre sind angebrochen. Leider verweilt diese Zeit nur kurz. Ich weiß ich kann sie ein wenig "stretchen" - wenn ich ihn richtig pflege.

Der Tag X kommt, der alles verändert

Ich dachte immer, altern ist ein schleichender Prozess. Seit ich ihn kenne weiß ich, dem ist nicht so. Es gibt einen Tag X an dem ist es vorbei. Dabei habe ich es kommen sehen, vielleicht auch nur weil ich als einzige von uns beiden darum weiß. Ich schicke ihn auf ein Dummy und ich sehe, dass wird sein letztes sein. Es ist nicht so, dass er schon gehen muss, nein, aber jeder Schritt tut ihm weh, und trotztdem gibt er noch einmal alles, um diesen blöden grünen Jutebeutel zu mir zu bringen. Und er würdet das auch weiterhin so machen, sei es aus Leidenschaft oder weil ich immer ganz besonders happy war, aber ich werde ihn vor seinem erlernten Verhalten schützen. Ab heute gibt es nur noch Beutetragen, noch mehr Streicheleinheiten und viel Pflege... seine Uhr tickt. Ich weiß es. Und der Gedanke daran schnürt mir die Kehle zu.

Wann weiß man, das es soweit ist?

Jetzt denke ich öfter daran. Ich überlege, was es sein wird - welches Indiz wird dazu führen, dass ich die Entscheidung treffe: vorbei, dass ich zum Hörer greife und den Tierarzt meines Vertrauens anrufe und ihn bitte zu kommen. Bei jedem Hund habe ich mir diese finale Frage gestellt und jeder hat sie anders beantwortet. Mein erster Schäferhund musste von einem Krebsleiden erlöst werden. Da fuhr mein Papa heulend mit ihm zum Tierarzt - ich weiß nicht, ob ich meinen Vater noch einmal weinend gesehen habe?  Mein Jagdterrier hatte täglich mehrfach Anfälle. Wenn Leben nicht mehr lebenswert für ihn ist, dann soll er gehen dürfen. Doch der Grund darf nicht sein, dass es nur für mich mühsam, dass er eine Belastung ist. Der Grund muss sein, dass sein Leben keines mehr ist, obwohl ich weiß, dass er alles ertragen würde - gemäß seines Hund-seins.

Du wirst den richtigen Zeitpunkt erfühlen...

 ... hat mal eine Tierärztin zu mir gesagt. Und ja ich hoffe das zu können, aber ich habe Hunde gesehen, die nicht gehen durften. Die soweit über ihren Zenit waren, dass es schon beim Ansehen weh getan hat und ich habe Hunde gesehen, die gehen mussten, weil kein Platz mehr für sie war. Alles ist möglich. Bei mir denke ich, ist es anders. Ich zähle die Fakten - seine Fakten: Was und wie war sein Leben? Was war ihm wichtig? Und egal was ich über ihn erzählen würde, die zwei wichtigsten Dinge sind für ihn immer:

1. Die Geschwindigkeit, das Rennen, die Bewegung

2. Das am Leben teilhaben können. Dabeisein. Mit mir sein.

Nummer zwei ist einfach: ich bin da. Aber Nummer eins habe ich nicht in der Hand. Zu sehr ist seine Krankheit schon fortgeschritten. Unaufhaltsam reiben sich seine Knochen bei jedem laufen gegeneinander auf. Unübersehbar sind die Folgen: Humpeln auf allen Ebenen. Mal vorne, mal hinten.

Gibt es feste Werte nach denen entschieden werden sollte?

 

Ein Wert könnte das Alter sein. Aber wie bei uns Menschen kann ein 12-Jähriger Hund fitter sein, als ein 6-Jähriger und umgekehrt. Allein das Alter kann kein Zeichen dafür sein, dass ein Hund eingeschläfert werden muss oder sollte.

gunsights carron

Gunsight's Carron mit 11 Jahren auf seinem letzten WT. Zwei Wochen später musste ich ihn wegen eines Milzrisses und einer Leberkrebs-Diagnose einschläfern lassen. Bis zu diesem Zeitpunkt war dem Hund nichts anzumerken. (c) Stefan Geyer.

Ein anderer Wert könnte die Fitness des Hundes sein. Das kommt der Frage nach den erkennbaren Zeichen und Werten schon näher. Ein Hund kann den ganzen Tag herumliegen und schlafen - wenn er noch einen Gang nach draußen schafft, sich alleine und von selbst löst und das nicht an seiner Liegestelle, dann wäre das auch noch kein Grund den Hund gehen zu lassen. Jedoch wenn der Hund nur noch liegt und zum Lösen nicht mehr aufsteht, sondern in seinen Schlafplatz kotet (und das nicht nur einmal, sondern regelmäßig) dann sollte man anfangen mit seinem Tierarzt seines Vertrauens zu sprechen.

Eine Überlegung wert ist, wenn der Hund generell nicht mehr am sozialen Leben teilnehmen kann. Sprich, er zum Beispiel nur noch im Garten in einer Ecke liegt oder andres Beispiel: er von Anfällen über den Tag verteilt begleitet wird. Alles, was einen Hund zum Hund macht - sobald diese Bedürfnisse des Hundes nicht mehr zu genüge gedeckt werden, ist eine Rücksprache mit dem Tierarzt sinnvoll.

Du kennst deinen Hund am besten.

 

Deshalb übernimm die Verantwortung. Ich für mich habe beschlossen, wenn es gar nicht mehr geht mein Freund, dann werde ich zu meiner Verantwortung stehen. Wenn dein Leben bei jedem Schritt nur noch aus Schmerzen besteht, werde ich handeln. Das wird mein Zeichen sein. Aber erst dann...

Ich gehe jetzt meinen Hund knutschen, ich wünsche dir was. Claudia von keinköter.de

 

 

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